Deutsche Kindheit

Er hatte eine Kindheit. So viel steht fest. Keine klischeehafte Bilderbuchkindheit. Aber auch keine, die was für einen Achtklässler-Bestürzungsroman hermachen würde. Er lief nicht in Lumpen. Sein Zimmer war auch das Zimmer seiner Schwester. Er konnte sich in Lego ertränken. Der Balkon war eine Müllhalde. Sie flogen in den Cluburlaub auf die Kanaren. An der Wohnzimmertür hing ein Poster von Michael Jackson, weil jemand vor Wut ein Loch in die Tür geschlagen hatte. Keine Sorge. Kein Massivholz. Er war kein Schlüsselkind. Er bekam Liebe und Aufmerksamkeit, aber kein Taschengeld. 
Ihm ging es gut. Doch er wusste, dass sich sein Leben von dem seiner Freunde unterschied. Von diesen typisch deutschen Familien. Irgendwann wurde ihm klar, was es war. Regelmäßigkeit. Sicherheit. Sicher war nur, dass nichts sicher war. Das wusste er früh. In den typisch deutschen Familien hingegen war so viel sicher. So viel regelmäßig.. 

Kaffee und Kuchen um drei Uhr. Apfelstreusel, Kirschstreusel, Birnenstreusel, Zwetschgenstreusel. Ohne Streusel keine Competition. Regelmäßigkeit.

Flauschige Badezimmermatten, die sich perfekt an die Konturen der Badezimmermöbel anpassten, fand er zwar hässlich, aber auf sie war wenigstens Verlass. Sie waren immer da. Sorgten dafür, dass man nach der Dusche nicht ausrutschte und mit einem Schädelbasisbruch jämmerlich verblutete. Sicherheit.

Seine Mitschüler waren neidisch, wenn er sich in der Pause am Kiosk mit Nussschnecken eindeckte. Dabei wünschte er sich seine eigene Brotbox mit Karottensticks und Vollkornbrot. Regelmäßigkeit. 

Jedes Jahr, wenn die Schulbücher für das neue Schuljahr ausgeteilt wurden, überkam ihn ein Schauer. Seine ältere Schwester würde die Bravo-Poster zurecht schneiden und alle Bücher mit Backstreet Boys, Robbie Williams und TicTacToe umhüllen. Dritte Stunde Bio. Robbie, mach dich bereit für deinen großen Auftritt. Man wusste nie, wie lang die Poster halten würden. Ganz im Gegenteil zu diesen durchsichtigen Plastikhüllen mit dem roten Rand. Die konnte man noch an seine Enkelkinder vermachen. Sicherheit.

Da waren noch mehr Dinge, die sein Leben von dem seiner Freunde und Mitschüler unterschieden. Kaninchen. Jeder hatte Kaninchen. Kindergeburtstagsabschiedstüten. Sowieso das Highlight. Vorratskammern und Tiefkühltruhen. Falls die Überflussgesellschaft ein abruptes Ende nehmen sollte. Elmex Gelee. Widerlich, aber zwingend nötig, zwecks der Süßigkeitenschublade. Ihm wurde klar, dass er ein Spießer war oder zumindest wie das Mädchen in der Werbung einer sein wollte. 
Was er von all den Dingen, in den Häusern aber am meisten bewunderte, gar verehrte, war der scheinbar nie enden wollende Vorrat an gut gefüllten Getränkekisten im Keller. Sprudelwasser, Apfelschorle, Zitronenlimonade, Bier. Alles in Glasflaschen, sauber aufgereiht. Eine nie versiegende Quelle der Erfrischung. Geradezu magisch. Dazu dieses pastellfarbene Plastikgestell, mit dem man sechs Flaschen auf einmal in die heiligen Höhen des Esszimmers befördern konnte. Esszimmer. Nicht Couch vor dem Fernseher.

Er wusste natürlich, dass da keine Magie im Spiel war. Die leeren Kisten landeten im Kofferraum (direkt neben dem zusammenklappbaren Einkaufskorb). Dann ab zum Getränkemarkt und die leeren gegen die vollen austauschen. Immer die gleichen. Keine Abweichung. Der perfekte Kreislauf.

Das Pfand wurde verrechnet. Schon immer. Er fragte sich, ob sich jemand jemals daran erinnern konnte, wann dieser Pfandbetrag das erste Mal bezahlt wurde. Vermutlich gab es ihn schon immer. Eine unumstößliche Konstante aus grauer Vorzeit. Vielleicht noch in D-Mark bezahlt. Unbeeindruckt von Wirtschaftskrise und Inflation. Die Idee, das Pfand könnte eines Tages ausbezahlt werden, war vergleichbar mit der Apokalypse. Dem totalen Zusammenbruch eines sicheren Gefüges.

Dieser Pfandbetrag war für ihn der Inbegriff von Sicherheit und Regelmäßigkeit in typisch deutschen Familien. Ein Betrag, dessen Höhe belanglos war. Das faszinierte ihn. Ihn, für den ein geregeltes Einkommen der Eltern etwas war, dass nur anderen Leuten passierte. 
Zwei Kisten Sprudel, eine Kiste Apfelschorle, eine Kiste Zitronenlimonade und ein Kasten Bier. Völlig egal, ob das Pfand zehn Euro oder tausend Euro wert war. Wurde immer verrechnet und wird auch immer verrechnet werden. Immer wieder. Immer wieder. Unumstößliche Regelmäßigkeit, absolute Sicherheit.

Sie stand weinend vor ihm. Ihre Wimperntusche ronn in kleinen schwarzen Bächen die geröteten Wangen hinab. Sie schnappte nach Luft. Ihre zarten Schultern bebten. Auf und ab. Er wusste nicht, warum sie derart aufgelöst vor seiner Tür stand. In der Schule war sie noch bester Laune gewesen. Seine beste Freundin. Das blonde Mädchen aus der typisch deutschen Familie. 

Er sah den verknitterten Zettel in ihrer Hand erst, als sie sich mit dem Ärmel, die Tränen abwischte. Er nahm ihn ihr aus der Hand, um einen Blick darauf zu werfen. Getränkemarkt Schäfer. Endbetrag: -16,90€



Sicher war also bloß, dass nichts sicher war. 

Deutsche Sprache. Schöne Sprache.

Und da steht er mir gegenüber. Ich bin ausgelaugt von meiner feurigen Ode an die deutsche Sprache. Mein Hirn überhitzt auf der Suche nach weiteren wundervollen Wendungen und Begriffen, die meinen Standpunkt untermauern könnten.

Er hingegen grinst mir völlig gelassen ins Gesicht. Diese Lippen, die in der Lage sind diese wohlklingenden ausländischen Worte zu formen, die einfach immer klingen wie eine Liebeserklärung. Vermutlich auch dann, wenn er von Mülltrennung spricht. Ja, so steht er da, sieht mich an und sagt: “Nein, nein, tut mir Leid. Deutsch ist keine schöne Sprache.”

Ich bin fassungslos ob dieser Ignoranz und unglaublichen Unverständnisses. Meine Lippen können nur eine Liebeserklärung formen, die wie Mülltrennung klingt:

“DOCCCHHH!”

Diesen Text widme ich hiermit ganz offiziell Maze Miller. Bussi!

Ist das DEIN Ernst?

Und da war er. Der Ernst. Er war plötzlich in sein Leben getreten. Es war schon immer klar, dass er bald auftauchen würde. Doch wie genau und ab welchem Punkt man realisieren würde, dass man nun einen neuen Begleiter hatte, war nie ganz klar gewesen. Ernst war geduldig, nicht aufdringlich, doch sobald man ihn einmal in sein Leben ließ, blieb er. Manchmal nur als undeutlicher Schemen. Oft bedrohlich und vereinnahmend

Er hatte ihn schon oft bemerkt. Als er die Übersicht seiner BaföG-Schulden vor sich liegen hatte. Jedes Mal, wenn ihn seine Verwandten nach seiner Freundin und deren gemeinsamen Zukunft fragten. Das erste Mal vermutlich, als ihm klar wurde, dass er sich nicht mehr hysterisch schreiend vor die Supermarktkasse werfen und mit hochrotem Kopf nach “Dschellibiieeens” verlangen konnte. Doch er hatte Ernst nie gestattet zu bleiben.

Eines Tages – er war gerade von einer längeren Reise zurück – hielt er ein Formular in Händen. Es war ein sehr prächtiges Exemplar jener bürokratischen Massenernüchterungswaffe. Leistungsantrag private Krankenversicherung für Beamte auf Widerruf. Er hatte den Antrag von einem schmächtigen Berater in schlecht sitzendem skinnyfit Anzug überreicht bekommen. In einer Mappe. Hardcover. Sicher geschützt vor schädlichen Umwelteinflüssen und mit einem kleinen Taschenrechner auf der Innenseite. Praktisch. Er starrte das Formular eine Weile an. Unbeeindruckt. Er wandte seinen Blick ab und fixierte die Mappe des Versicherungsvertreters…

Er hatte ihn gefunden.

Den Ernst seines Lebens.

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Just a Vorgeschmäckle

To be continued…

Vom Bordstein zur Skyline

Prolog

Er hatte den Hund seit dem Sommer. Eine kleine schwarze Promenadenmischung. Es war nicht so richtig klar, ob der Hund ganz besonders schlau oder ganz außergewöhnlich dumm war. Aber er war da und hatte neben einer schmerzhaften Vergangenheit, dem ein oder anderen hartnäckigen Floh sowie einem kulinarischen Hang zu seinen Ausscheidungen einen ganz besonders außergewöhnlichen Charme. Er war seinem Herrchen also nicht ganz unähnlich. Der war auch so der Typ Straßenköter. Dem Luxus – sofern er ihn serviert bekam – nicht abgeneigt, jedoch nicht bereit, sich von eben diesem seiner Freiheit berauben zu lassen.

Die Geschichte

Er erreichte den Zug im letzten Moment. Mit einem Satz sprang Er in den hintersten Waggon. Ein Pfeifen ertönte und der Zug setzte sich in Bewegung. Nach einem rekordverdächtigen Sprint war Er außer Atem. Er war so schnell gelaufen wie es mit einem Hund unter dem linken und einer abgewetzten 80er-Jahre Sporttasche unter dem rechten Arm nur möglich gewesen war. Die Bullen, ey. Verdachtsunabhängige Personenkontrolle…ja, genau. Sie hatten ihn genauso aus der Menge gecastet wie RTL seine klopapierfressenden, übergewichtigen Hohlköpfe. Mitten aus dem Leben und sämtliche Vorurteile erfüllend. In seinem Fall: müde Augen, verstrubbelte Haare (bei Herrchen und Hund), Mütze (nur beim Herrchen) und eine für den Otto-Normalverbraucher insgesamt eher wahllos zusammengestellte Garderobe (Kenner wussten allerdings, dass dieser Look eines gottgegebenen Talents für Mode bedurfte). Insgesamt also die Kategorie:

„Also Ilse, ich finde, der braucht sich gar nicht wundern, wenn die Polizei ihn rauszieht.“

Verwundert war er gar nicht. Genervt schon eher. Hätte Er nicht den Zug erwischen müssen, wäre die Begegnung mit der Polizei wohl anders verlaufen. Immerhin hatte Er drei Semester Jura studiert. Er kannte seine Rechte und an Rhetorik und Argumentationsvermögen war seine Juristenkarriere nicht gescheitert. Der Zeitdruck ersparte ihm eine erniedrigende Leibesvisitation. Nach einer oberflächlichen Kontrolle seines Gepäcks und einem Blick auf seine Fahrkarte ließen die Polizisten ihn ziehen. Wenigstens konnte Er zum Abschied den kleinen rosa Plastikbeutel mit verdächtig riechendem Inhalt in der kleinen Kammer der Bahnhofspolizei entsorgen. Er hatte wenig Lust die komplette Zugfahrt mit Hundescheiße in der Jackentasche zu verbringen.

Ein Blick auf die Fahrkarte bestätigte ihm, dass sein Sitzplatz am anderen Ende des Zuges auf ihn wartete. Der Zug war heillos überfüllt. Weihnachtsfeiertage. Alle strömten sie vollbepackt zu ihren Familien, um Freude über Wiedersehen und bedeutungslose Geschenke vorzutäuschen und insgeheim die Stunden zu zählen bis man wieder möglichst weit entfernt war von diesen Menschen, mit denen man meist nicht mehr als ein paar Genstränge gemeinsam hatte. Ja, Weihnachten war genau sein Ding. Während Er sich mit seinem Hund auf dem Arm durch die Gänge quetschte, fragte Er sich, warum sich die Leute das antaten. Warum Er sich das antat. Er konnte sich gut vorstellen, was die Leute gedacht hatten als sie sich das Bahnticket gekauft hatten: „Du, ne, Fernbus. Ich weiß ja nich. Das dauert ja viel länger und ist lang nicht so komfortabel wie die Bahn. Die ist auch umweltfreundlicher. Da zahl’ ich lieber ein bisschen mehr.“ Die 2,50€ Sitzplatzreservierung hatten sie sich dann aber doch lieber gespart. „Da find’ ich schon was. Kein Problem.“ Dass man dann vor der Klotür auf seinem Trolley sitzt (Superangebot im Tschibo, superpraktisch), während heulende Kinder das Klo vollstinken und sich der achso praktische Griff des Trolleys wie die Füllung der Weihnachtsgans verhält und sich langsam seinen Weg in den Enddarm sucht, darauf war man nicht vorbereitet. Ganz und gar nicht.

„Sorry, darf ich mal?“

Er schob eine vierköpfige Familie zur Seite und zog an einem Jungen, der an der Waggontür festzukleben schien. Es machte laut ‚PLOP’ als dieser sich vom Glas löste und zu Boden sank. Er betrat den vordersten Wagen. So musste es sich angefühlt haben als der erste DDR-Bürger nach dem Mauerfall Westdeutschland betreten, als Neil Armstrong die Tür seiner Mondlandekapsel geöffnet, als Er seinen Kopf vor 24 Jahren aus dem Unterleib seiner Mutter gequetscht hatte. Ein Gefühl von Freiheit. Erhaben über alles, was man zurück gelassen hatte. Angekommen an einem Ort, den man so schnell nicht mehr verlassen wollte und der mit Reizen lockte, die vorher undenkbar erschienen. Und ganz besonders dieser eine Reiz, der bereits den DDR-Typen, den Mond-Typen und ihn vor 24 Jahren begeistert hatte:

Beinfreiheit!

Mit einem erleichterten Seufzer sank Er in seinen Sitz. Der Hund machte es sich zu seinen Füßen bequem. Platz genug gab es ja. Mit Kopfhörern auf döste Er ein und wurde erst vom Schaffner geweckt, der ihn skeptisch musterte und nach seiner Fahrkarte verlangte. Er musterte zurück und fragte den Schaffner, ob er zufälligerweise einen Bruder bei der Münchner Bahnhofspolizei habe, Er erkenne da gewisse Ähnlichkeiten. Der Schaffner stempelte die Fahrkarte und warf einen abschätzigen Blick auf den Hund, der sich mitten im Gang genüsslich die Eier leckte.

„Sind Sie das erste Mal in der ersten Klasse?“

„Nein, aber das ist schon eine Weile her. Zuletzt als ich acht war, aber dafür gleich zweimal hintereinander.“

Er schaute gelangweilt und setzte seine Kopfhörer wieder auf. Der Hund war immer noch beschäftigt. Es faszinierte ihn, was so eine Fahrkarte bewirken konnte. In den Wagen hinter ihm stapelten sich die Leute wie Schichtnougat und er fühlte sich erhaben wie die Kirsche auf der Sahnetorte. Sein Magen knurrte. Just in diesem Moment erschien eine Dame mit einem quietschenden Wagen voller Speisen. Er griff gierig zu. Während Er Käsebrot, Schokoriegel und Instantkaffee verschlang, gönnte sein Hund sich konfierten Ikarimi-Lachs, Lammkeule mit Pastinakenpüree und Schokoladensoufflé. Er war gespannt, wann der Hund die Seiten 64-69 der DBmobil wieder auskotzen, und ob die „ausgefallenen Rezepte für ihr ganz besonderes Weihnachtsdinner“ dann noch zu lesen sein würden.

Nach einiger Zeit erwischte Er sich dabei, wie Er seine Überlegenheit gegenüber den anderen Passagieren genoss, es geradezu auskostete. Aber so war das nun einmal. Wenn man es sich leisten konnte. Warum sollte man dann in der zweiten Klasse schmoren wie ein Bergarbeiter im Hochofen? Es war ja nicht seine Schuld, dass sich der Großteil der Leute diesen Luxus nicht gönnen konnte. Außerdem wäre die erste Klasse ja dann sinnlos. Nein, nein, Er brauchte sich da keine Gedanken zu machen. Noch dazu hatte Er ja an den Hund denken müssen. Der arme wäre ja völlig nervös geworden zwischen all den schwitzenden Leibern. Das war alles völlig gerechtfertigt.

„Wie die Tiere, nicht wahr?“

Die Stimme kam von schräg gegenüber. Das Alter der Frau war schwer zu bestimmen. Lippen und Brüste waren 25, Augen und Stimme 75. Im Schnitt also 50, doch sicher war Er sich nicht. Als Er sie fragend ansah, deutete sie auf die Tür zur zweiten Klasse.

„Ein Vorhang wäre angebracht“.

War er aber nicht. So recht konnte Er seinen Ohren nicht trauen. Ihre ausdruckslose Mine war schwer zu deuten, doch ihr Kopfschütteln und ein Geräusch als ließe sie die Luft aus ihren Schlauchbootlippen unterstrichen ihre Abneigung.

„Meinen Sie mit Tieren eher so etwas wie meinen Hund hier oder den toten Nerz um ihre Schulter, der nach dem dritten Elektroschock noch immer nicht richtig tot war und dem dann einfach noch im Todeskampf bei lebendigen Leib das Fell über die Ohren gezogen und dessen nackter lebloser Körper dann achtlos in eine Tonne gekloppt wurde?“

Sie hatte den gleichen Gesichtsausdruck wie vor ein paar Wochen als sie nach ihrem Besuch bei Dr. Schönberg auf Shoppingtour gegangen war, sich den Nerz das erste Mal um ihre Schultern gelegt und das weiche Fell ihren feisten Nacken umspielt hatte. Dass diesmal allerdings etwas anderes in ihr vorging, war nur daran zu erkennen, dass sie ein anderes Geräusch von sich gab. Gar keines. Statt des erfreuten Quiekens, herrschte Stille. Nur ein leises Pfeifen, das rasch verklang.
Das Schlauchboot war gesunken.

Er setzte seine Kopfhörer wieder auf. Die weitere Fahrt verging ereignislos. Die Landschaft flog vorbei. Häuser, Wälder, Felder, Bahnhöfe, Lärmschutzwälle, Industriegebiete. Vor den Fenstern veränderte sich nicht viel. Dahinter allerdings auch nicht. Es stiegen Menschen ein und aus, doch einen Unterschied machte das nicht. Die zweite Klasse platzte weiterhin aus allen Nähten. Der Schaffner hatte aufgegeben sich durch die Menge zu quetschen. Stattdessen erzählte er der Frau mit dem Speisewagen begeistert von seiner Kronkorkensammlung.

Es waren noch fast zwei Stunden bis Freiburg und Er fing an sich zu langweilen. Er begann nachzudenken und hatte kurze Zeit später eine Idee. Er checkte den Fahrplan und musste grinsen.

Der zweite Sprint des Tages führte ihn wieder in den letzten Waggon. Der Zug hatte in irgendeinem Kuhkaff Halt gemacht und Er war auf den Bahnsteig gehechtet und den Zug entlang gesprintet. Diesmal hatte Er nur den Hund dabei, seine Tasche hatte Er in der ersten Klasse zurückgelassen. Die Zeit müsste reichen.

Als der Zug wieder losfuhr kramte Er sein Handy raus und hielt es sich ans Ohr:

„Heeeeey!“, der gesamte Waggon konnte ihn hören.

„Ja, du, ich hab’s grad so geschafft. Du meine Güte musste ich rennen. Wo bist du denn? Der Zug ist ja völlig überfüllt…Achso, die erste Klasse ist ganz vorne? Na, du meine Güte!“

Er klang wie eine Mischung aus Harald Glööckler und Carmen Geißen.[1]

„Ja, du, mal schaun, wie lang ich da jetzt brauche…mhm, aha, mhm…na, supi, weil hier stapeln sich die Leute ja. Widerlich ist das…Ja, hoffe ich doch, dass in der ersten Klasse alles frei ist. Ja, super, bis gleich Schätzchen!“

Dieses Spiel wiederholte Er in jedem Waggon. Die Passagiere straften ihn mit bösen Blicken und abschätzigem Gemurmel. Er trat auf insgesamt drei Hände, fünf Füße, sechs Jacken und rempelte mindestens neunundsechzig Leute an. Als Er schließlich an der ersten Klasse ankam, klebte dort erneut ein Kind an der Scheibe. Er zog, es machte ‚PLOP’ und er betrat den nahezu leeren Waggon. Unterwegs war Er dem Schaffner begegnet, der ein neues Opfer für seine Ausführungen über die Tücken der Kronkorkensammlung gefunden hatte.

Er sah auf die Uhr. Er lag gut in der Zeit. Er hatte auf seinem Weg durch den Zug am Ende jedes Waggons kurz angehalten und genüsslich dem genervten Gemurmel der anderen Fahrgäste gelauscht. Keiner von ihnen hatte ihm den Platz in der ersten Klasse gegönnt. Er packte seinen Kram zusammen. Der Hund wuselte aufgeregt um seine Beine, denn er verstand, dass die Zugfahrt bald ein Ende haben würde. Seine Blase glich vermutlich einer gut gefüllten Wasserbombe in den Händen eines sehr ungeschickten Kindes. Der Zug würde in wenigen Minuten den nächsten Halt erreichen. Er schlenderte durch die letzten Reihen vor der Lok, ein verschmitztes, selbstzufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen.

Er sah sich noch einmal um und griff dann nach dem Mikrofon für die Durchsagen, das da so unbeachtet neben der Tür zur Lok hing.[2] Er räusperte sich [3] und begann:

„Sehr geehrte Fahrgäste, wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit. Wie sie vielleicht bemerkt haben, sind die Wagen der zweiten Klasse völlig überfüllt. Es herrschen unzumutbare Zustände für die Reisenden der zweiten Klasse. Daher haben wir uns entschieden, sie nicht länger um Ihr Verständnis zu bitten, sondern konkrete Maßnahmen zu ergreifen. Nirgendwo sonst wird die Zweiklassengesellschaft so deutlich wie im Flug- und Bahnverkehr. Doch auch in anderen Bereichen der Gesellschaft ist sie spürbar. Wir wollen das nicht länger dulden. Sie, sehr verehrte Fahrgäste sollen das nicht länger dulden müssen! Es ist also in Ihrem Interesse, wenn ich Ihnen nun mitteile, das ab sofort jeder Sitzplatz, und ich meine JEDER, für Sie zur Verfügung steht. Lassen Sie sich nicht von Gedankenkonstrukten in Form von großen weißen Zahlen auf Waggontüren abhalten. Das Zweiklassensystem in diesem Zug ist mit sofortiger Wirkung aufgehoben!“

Seine Stimme donnerte durch die Lautsprecher. Im Zug herrschte angespannte Stille.

„Wir erreichen soeben den Bahnhof Freiburg im Breisgau. Wir wünschen Ihnen weiterhin eine angenehme Fahrt, entschuldigen uns für unsere bisherige Unfähigkeit und verabschieden uns. Thank you for travelling with Deutsche Bahn…ARCHIEEEE!“

Epilog

Er war in dem Moment aus dem Zug gesprungen, als sich die angespannte Stille in ein immer lauter werdendes Poltern verwandelte und vor der Tür zur ersten Klasse ein lautes ‚PLOP’ erklang.

Er lief gemächlich durch den kleinen Bahnhof und genoss ein Gefühl aus Euphorie und absoluter Selbstzufriedenheit. Gerade als Er den Bahnhof verlassen wollte, wurde Er aufgehalten. Er sah dem Mann tief in die Augen und ein verschmitztes, selbstzufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen . Er musste nicht mehr sprinten. Er hatte alle Zeit der Welt. Seine Hand umklammerte einen prallgefüllten, warmen Plastikbeutel in seiner Jackentasche.

„Guten Abend, Herr Wachtmeister.“

[1] Ich oute mich ja nur ungern, diese zwei Personen des öffentlichen Lebens zu kennen. Aber heutzutage muss man informiert sein. Für alle anderen:
https://www.youtube.com/watch?v=UDoXFLPZ-N4
https://www.youtube.com/watch?v=Jy4wYa4CLUA

[2] Es interessiert mich nicht, ob die woanders hängen oder bewacht sind oder sonstwas. In diesem speziellen Zug hing es neben der Tür zur Lok. Außerdem hat meine google-Suche ‚Zug Durchsagen Gerät wo’ zu keinen hilfreichen Ergebnissen geführt.

[3] Er hatte zu oft diese Känguru-Bücher gelesen

Ich glaub ich bin Rassist II – Minderheiterkeit

Ich habe ein gespaltenes Verhältnis zu politischer Korrektheit. 
Ich will mir nicht anmaßen allgemein gültige Regeln zu entwerfen, wie sich Menschen gegenseitig behandeln zu haben. 

Ich bin gern nett zu Menschen. Oft find ich sie aber auch scheiße. Richtig scheiße. Samstags in Fußgängerzonen oder in Supermärkten vor einem langen Wochenende. Ob die dann jetzt schwarz, weiß, gelb oder dumm sind, ist mir wurscht. 
Kant hat mal dieses Ding da aufgestellt. Kategorischer Imperativ. Da hat er gesagt:
 „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ 
Also mach nur Sachen, von denen du glaubst, sie sind cool und in Ordnung und tun keinem weh. So in etwa.
Kann man glaube ich auch auf Diskrisi…, Diskrisimi…, Diskriminierung anwenden. 
Ich beschäftige mich im Rahmen meiner Bachelorarbeit momentan viel mit Homosexualität im Fußball und dem medialen Umgang damit. Da reden sie alle immer von dem weiten Weg zu Toleranz und Akzeptanz und blablabla. Ich hatte da mal so eine Idee, was die Bedeutung wahrer Akzeptanz sein könnte:

“Echte Akzeptanz ist erst erreicht, wenn ich auch Minderheiten verarschen darf!”

— Ich nenne das dann Minderheiterkeit.

ALG I – Arbeitswelt Los Geht’s I

Das Studium neigt sich dem Ende. Frohen Mutes stapfe ich mit großen zielsicheren Schritten in Richtung eines neuen Lebensabschnitts. Ich weiß genau, was ich will und wohin es mit mir gehen soll. Bereit die Herausforderungen der Arbeitswelt entschlossen anzunehmen und Karriere zu machen. Verständnislos stehe ich jenen gegenüber, die meinen, sich „treiben lassen“ zu müssen. Irgendwas ergebe sich immer, man müsse nur daran glauben. Humbug. Diese „Schau ma mal, dann seng ma scho“-Mentalität ist mir fremd. Ich habe klare Ziele!

Haha.

Genau.

Fast hätt ichs selbst geglaubt.

Ich habe keinen blassen Schimmer, was mal aus mir wird. Ich versteh aber auch das Konzept nicht so richtig. Ich bin doch schon was. Bedeutet allein die Tatsache, dass ich keinen Beruf habe, daher anscheinend erst noch was werden muss, dass ich jetzt momentan NICHTS bin? Für ein NICHTS muss ich aber grad ganz schön dringend aufs Klo.

Hm, naja. Wie man einigen meiner älteren Texte entnehmen kann, bin ich ja prinzipiell und überhaupt ein sehr toleranter Mensch…Probiere viel aus und bin auch mal offen für Dinge, die ich eigentlich unsinnig, unwesentlich und vor allem unlogisch finde.
Hab ich mir gedacht: „Wenn das so ist, gibst der Arbeitswelt doch mal ne Chance!“
Mir ist dann schnell aufgefallen, dass anscheinend nicht ich diejenige bin, die der Arbeitswelt eine Chance geben muss, sondern andersrum.
Check ich nicht.

Die Arbeitswelt ist also vergleichbar mit der Clubszene. In die kleinen verranzten Läden kann man relativ lässig reinspazieren, ohne groß was herzumachen, aber wenn man in die schicken Locations will, muss man erst am Türsteher vorbei. In der Arbeitswelt heißen die glaub ich „Personaler“. Das fiese ist: Der Türsteher ist im Normalfall kein allzu freundlicher Zeitgenosse, dafür leicht zu erkennen und ebenso leicht zu durchschauen. Der Personaler hingegen tarnt sich gern als freundlicher Zeitgenosse und hat dich schon durchschaut bevor du ihm deine schwitzige Hand hinhalten und die erste Silbe deiner zuvor eingeübten kecken Begrüßungsfloskel aussprechen kannst.

Wenn man ein paar Eckpunkte beachtet, kann man es allerdings schaffen, an diesen Hütern des Untergrunds vorbeizukommen und einzutauchen in deren bis dahin geheimnisvolle Welt.[1]

1. Äußerlichkeiten

Auf den ersten Eindruck legen sowohl Türsteher als auch Personaler großen Wert. Je nach Branche/Genre gibt es bestimmte Dresscodes, über die du dich im Vorhinein informieren solltest. In jedem Fall solltest du duschen, Zähne putzen und dich ggf. rasieren. Türsteher und Personaler achten oft sehr genau auf Schuhe.
Also zieh dir Schuhe an.

2. Alkohol

Egal ob es um das Aufeinandertreffen mit dem Personaler oder den Eintritt in den Club geht. In beiden Fällen scheint der vorherige Alkoholgenuss sinnvoll und hilfreich. Ein Flachmann lässt sich leicht in der Innentasche des Sakkos oder mit Hilfe eines Strumpfbandes unterm Rock verstecken. Deinen Pegel anmerken sollte dir weder der Türsteher noch der Personaler, auch wenn beide damit rechnen und es bis zu einem gewissen Maße tolerieren.

Ja, beide.

3. Vitamin B

Kontakte sind immer hilfreich. Dabei ist es allerdings wichtig, die richtigen Leute im richtigen Moment zu erwähnen.
„Ja, äh…ich kenn da den Mark…Max…Martin…du weißt schon! Der mittelgroße, helldunkle Haare, so zwischen 20 und 40.“

„Ja klar, den hab’ ich erst letzte Woche hier rausgeschmissen…“

4. Souveränität

Du kannst noch so schlecht vorbereitet sein oder noch so scheiße aussehen. Wenn dein Auftreten stimmt, kannst du jeden Türsteher oder Personaler dieser Welt um den Finger wickeln. Arbeite also an deiner Inkompetenzkompensationskompetenz.

Oder leg dir Brüste zu.

Also los, nimm die Herausforderung an und stürze dich voll jugendlichem Elan in das Haifischbecken Arbeitswelt!

Falls du aber doch keine Lust darauf hast und dir denkst ich hol’ mir lieber bissl Kohle vom Staat, kann ich das völlig nachvollziehen. Bedenke nur dies: Wenn die Arbeitswelt ein Haifischbecken voller gefährlicher Geschöpfe ist, die dir an den Kragen wollen…dann sind die Sachbearbeiter am Arbeitsamt vermutlich Piranha-Frankenstein-Predator-Kannibalen-Teletubby-Klone bewaffnet mit Klauen, Reißzähnen, Äxten und Formularen.

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[1] Ob der erfolgreiche Eintritt im Nachhinein als erstrebenswert einzustufen ist, lässt sich meist an den Leuten messen, die einem am Weg zum Türsteher/Personaler entgegenkommen und ist dem jeweiligen persönlichen Geschmack geschuldet.

Monaconinja reloaded

 

Jaja, Fußball-Weltmeister. Wissen alle. Freuen sich alle. Wuhuu.
Ich freue mich auch, aber kämpfe auch mit einem persönlichen Dilemma:
MONACONINJA, das war doch immer ich, mein Pseudonym mein Alter Ego.
Gestern habe ich gefährliche Konkurrenz bekommen. Der wahre deutsche Verteidigungsminister und Bayern-Keeper Manuel Neuer macht mir meinen Namen streitig!

neuerkombat