Die freundliche Sachbearbeiterin

Bei dem Wort Sachbearbeiter bieten sich mir spontan mehrere Assoziationen. Alle eher nicht so nett. Grantig, gelangweilt, frustriert, akkordstempeln, deutsch. Ich frage mich, woher dieses negative Bild eines nicht gerade prestigeträchtigen, aber dennoch, für die Mühlen der Bürokratie, unerlässlichen Berufsstandes kommt. Der werte Leser wird sich fragen, warum ich diese allgemein bekannte und anscheinend auch gültige Beschreibung eines Sachbearbeiters in Frage stelle. Also bitte:

Ich habe in den seltenen Fällen, in denen ich in den letzten Monaten mit diesen kleinen Zahnrädchen der Gesellschaft in Berührung kam, gute Erfahrungen gemacht. Vor kurzem erst. Bei der Fahrscheinkontrolle konnte ich zwar die gültige Wochenmarke, nicht aber den Verlängerungswisch meiner Hochschule vorweisen. Jaja, das Semester läuft schon wieder seit 2 Monaten. Ich weiß.

Nun ging ich einige Tage später zum Kundencenter der Münchner Verkehrsgesellschaft. Den Wisch nachzeigen. 5 Euro zahlen. Ende der Geschichte. Was hat es mir gegraut davor. Die MVG, von mir aus verschiedensten Gründen seit langen nur noch liebevoll „Scheißverein“ genannt, war für mich bisher immer das Paradebeispiel für die oft erwähnte Servicewüste Deutschland.

Mit einer Stunde Zeit, Lesestoff und Musik für das lästige Anstehen im Gepäck versuchte ich mit verschiedenen Atemübungen meine innere Mitte zu finden, um im Falle einer Unstimmigkeit mit der Sachbearbeiterin nicht völlig die Fassung zu verlieren und ihr über den Schalter hinweg an die Gurgel zu springen, sie mit ihrem hässlichen Halstuch zu würgen und zu rufen: „Das ganze System ist doch fürn Arsch. Ihr in euren dunkelblauen Uniformen seid doch nur Marionetten ohne freien Willen auf dem Weg des geringsten Widerstandes. Von klein auf gehirngewaschen (oha, großartiges Wort) und mit Scheuklappen rollt ihr auf euren ergonomischen Bürostühlen und euren fetten Är…“ Spätestens hier wäre ich vermutlich von irgendwelchen Leuten unterbrochen worden mit dem Hinweis, dass sie meinen Ärger nachvollziehen könnten, aber die Gesichtsfarbe der armen Frau mittlerweile eben jenes blau der Uniform angenommen habe und das doch eher ungesund sei. Zu meiner großen Überraschung passierte nichts dergleichen.

Keine Schlange im Kundencenter. Am Schalter eine freundliche Frau, die sich mein Anliegen geduldig anhörte. Ich hatte natürlich den Wisch der Fahrkartenkontrolleure verloren und der Ausdruck meiner Uni war auch von miserabler Qualität und kaum zu entziffern. „Frau Vogl, ohne den Durchschlag der Kontrolleure kann ich den Vorfall noch nicht im Computer finden. Das dauert immer ein bisschen. Aber Sie haben noch genug Zeit, gar kein Problem. Machen Sie sich keine Sorgen, kommen sie einfach demnächst nochmal vorbei. Vielleicht finden Sie den Wisch ja auch noch“ Dann nahm sie den Verlängerungsschein der Uni, schnitt ich für mich zurecht, damit er in die Fahrkarte passte und klebte den ein wenig in Mitleidenschaft gezogenen Fahrschein noch liebevoll mit Tesa zusammen: „Damit Sie in Ruhe weiter studieren können und sich nicht auch noch um die zerrissene Karte kümmern müssen“.

Entwaffnend. Mir wurde warm ums Herz und mich überkam das Bedürfnis die Frau über den Schalter hinweg fest…

 

… zu umarmen

 

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