Da steckst nicht drin

Vorwort 

Bevors los geht. Ich hatte dieses Semester das Vergnügen an einer Schreibwerkstatt an der Carl-von-Linde-Akademie für Studenten der TU München teilzunehmen. Das war sehr schön. Ich hatte mich im Vorfeld für alle möglichen Wahlfach-Kurse angemeldet, weil ich dringend ECTS-Punkte brauchte. “Umgang mit sich selbst”, “Entspannt Prüfungen bestehen”, “Zeitmanagement ist Selbstmanagement”. Ich komm eigentlich ganz gut aus mit mir, Prüfungen hab ich alle bestanden und für Zeitmanagement hab ich den Termin verpasst. Dann wars also die Schreibwerkstatt. Durchwegs positive Erfahrung gemacht, neue Eindrücke gewonnen und mich auch mal kritisch und intensiv mit meiner Schreibe auseinander gesetzt. Ich musste feststellen, dass meine Nerd-Vorurteile gegenüber TU Studenten zum Großteil widerlegt wurden. Die sind ja gar nicht so…ja wie eigentlich? Nerdig? Froh war ich trotzdem, als sich dann doch wer erbarmte und ausführlich über Rollenspiel sinnierte. Wär sonst auch enttäuschend gewesen, mein Weltbild so bröckeln zu sehen. 
Danke an das Dozenten Tagteam Dr. Katrin Lange vom Literaturhaus München und Alex Rühle (der hat sogar ‘nen Wikipedia-Eintrag !) von der SZ. Sie haben sich wunderbar ergänzt und tatsächlich echtes Interesse am Fortschritt der Teilnehmer gezeigt. Oder verdammt gut so getan. Danke an die anderen Teilnehmer, es war mir ein Volksfest. 
Genug geschwafelt. Gechichte. Jetzt!

 

Da steckst nicht drin

Pling. Die Aufzugtür schloss sich. Im letzten Moment wurde sie aufgehalten. Ein schwarzer glänzender Lackschuh steckte in der Tür, ebenso ein blauer tropfender Wischmopp. An dem Schuh hing ein Mann im Anzug, an dem Mopp eine Frau im Kittel. Die Türautomatik reagierte, sodass der Mann einsteigen konnte. Er schüttelt seinen Schuh und den Kopf. Die Tür schloss sich erneut.„Danke“, der Mann nahm das Tuch entgegen, wischte sich unbeholfen über seinen Schuh und reichte es der Frau zurück.
„Bitte.“, sie nickte.
Nahezu geräuschlos bahnte sich der gläserne Kasten seinen Weg in die Höhe. So spät am Abend war das Bürogebäude wie ausgestorben. 2…3…der Mann starrte auf die Zahlen im Display. 4…auf halbem Weg in den 5. Stock kam der Aufzug ruckartig zum stehen.
„Nicht im Ernst! Was soll denn das jetzt?“, der Mann schnaubte.
Die Frau schwieg.
„Das hat mir gerade noch gefehlt. Als hätte ich nicht besseres zu tun, als hier im Aufzug zu stecken“
Er suchte nach dem Notknopf und drückte hektisch daran herum. Es erklang ein regelmäßiger Piepston.
„Meisner Aufzugnotdienst, was kann ich für Sie tun?“, die blecherne Stimme klang gelangweilt.
„Sie sind ein verdammter Aufzugnotdienst. Was glauben Sie, können Sie für mich tun? Ich hätte gerne einen Doppel-Whopper mit extra Käse…“
„Pommes oder ein Getränk dazu?“
Der Mann schüttelte erneut den Kopf, Schweiß trat auf seine Stirn „Hören Sie, ich bin nicht für Späße aufgelegt. Schicken Sie gefälligst jemanden vorbei, der mich aus diesem Aufzug rausholt“
„Bitte“, fügte die Putzfrau hinzu.
„Aha, sie stecken wohl fest. Mein System sagt mir, dass Sie sich in der Landesbank befinden. Richtig?“
„Ja. Zwischen 4 und 5. Stock“, der Mann wurde wieder ruhiger.
„Aha, witzig. In China hätte Ihnen das nicht passieren können, da gibt es keinen 4. Stock. Wussten Sie das? Vier ist dort eine Unglückszahl. Da würden Sie jetzt zwischen 3. und 5. Stockwerk festsitzen. Das kann man sich ja gar nicht vorstellen, so ein Aberglaube.“, blechernes Kichern.
Der Mann schnaubte wieder. „Hören Sie mir mal zu. Entweder Sie schicken mir jetzt Hilfe oder ich rufe einfach die Feuerwehr an. Machen Sie gefälligst ihren Job“
„Bitte.“, die Putzfrau wischte teilnahmslos über einen Fleck am Glas.
„Junger Mann, immer mit der Ruhe. Sind Sie denn verletzt? Klaustrophobiker?Schwanger?“
„Nein…hier ist niemand verletzt oder schwanger, aber ich werde gleich zum Choleriker“
„Aha, also gut. Ich schicke Ihnen Hilfe vorbei, kann ein bisschen dauern, ganz schön was los heute. Der Burger wird bis dahin vermutlich kalt sein“
„Unfassbar. Customer Support unter aller Sau. Wer bei Ihnen für die Human Ressource zuständig ist, muss unter völliger Inkompetenz leiden“

Die Putzfrau hatte in der Zwischenzeit die gläserne Rückwand in Angriff genommen und schrubbte an einem hartnäckigen Fleck herum. Sie summte leise eine Melodie vor sich hin. Der Mann zog sein Sakko aus und lockerte die Krawatte. Er schwitzte. Die Frau reichte ihm erneut ein Tuch, damit er sich den Schweiß von der Stirn tupfen konnte.
„Danke“
„Bitte“
„Wie können Sie nur so ruhig bleiben? Ich meine, Sie stehen da und putzen. Wir stecken hier im Aufzug. Es kann noch Stunden dauern bis Hilfe kommt, ich habe keine Zeit für so etwas.“
Die Frau kramte in ihrem Putzwagen und wurde fündig. Sie hielt dem Mann eine Schachtel Zigaretten entgegen. Er zögerte, griff dann gierig zu. Der Rauch füllte die Kabine. Der Mann entspannte ein wenig.
„Danke.“
„Bitte.“
„Ich habe eigentlich aufgehört. Zumindest vor meiner Frau. Sie sagt immer, ich sei ein schlechtes Vorbild für die Kinder. Ich reißʼ mir in der Arbeit den Arsch auf, hab mindestens 50 Angestellte unter mir und zu Hause nichts zu sagen.“
Er wollte gerade auf den Aufzugboden aschen. Die Putzfrau räusperte sich und sah ihn streng an. Schuldbewusst zielte er in den Müllbeutel am Putzwagen.
Er schaute auf die Uhr und wurde wieder nervös. „Wie lang soll das hier bitte dauern? Vermutlich ewig. Wir haben bestimmt nicht highest priority. Ich habe einen Haufen Akten auf dem Schreibtisch und Deadline bis Ende der Woche. Ich bin doch nicht zum Spaß so spät noch in der Arbeit.“

Erneut kramte die Frau im Putzwagen. Erneut wurde sie fündig. Diesmal hielt sie dem Mann einen Flachmann entgegen. Zögernd nahm er das glänzende Gefäß entgegen. Der Inhalt roch beißend, dennoch leicht süßlich. Vermutlich selbstgebrannt und hochprozentig. Vorsichtig nahm er einen Schluck. Der Schnaps brannte sich seinen Weg durch seine Kehle. Es schüttelte ihn kurz, doch die süße Note sorgte für Beruhigung. Der Alkohol stieg ihm schnell zu Kopf, er wurde rot.
„Danke.“, hauchte er.
„Bitte.“ Die Frau nahm einen tiefen Schluck ohne eine Miene zu verziehen.
„Starkes Schnäpschen. Brennt alle Sorgen weg. Meine Frau sagt ja immer, Alkohol bringe irgendwelche Chakren durcheinander und störe die Harmonie von Körper und Geist“ Der Mann trank ein weiteres Mal. Seine Augen tränten, er starrte ins Leere. „Ich bin noch nie festgesteckt“

Ein Kratzen im Lautsprecher weckte die Aufmerksamkeit der zwei Eingesperrten.
„Hallo? Sind sie noch da?“ Die Stimme aus dem Lautsprecher kicherte. „Haha. Blöde Frage. Natürlich sind Sie noch da. Die Feuerwehr ist verständigt und wird bald eintreffen. Sie müssen verstehen, dass Sie nicht ganz oben auf der Prioritätenliste stehen an einem Freitagabend, aber machen Sie sich keine Sorg…“ Die Stimme brach ab. Der Mann hatte dem Lautsprecher einen heftigen Schlag versetzt und bedeckte ihn nun mit einem Tuch. Für einen kurzen Moment war nur noch ein dumpfes, unverständliches Gemurmel zu verstehen bis auch dies verstummte.

Der Frau huschte ein Lächeln übers Gesicht.

„Danke.“

„Bitte.“

Er schüttelte den Kopf, steckte sich eine weitere Zigarette an und gönnte sich einen Schluck aus dem Flachmann. Schließlich begann er im Putzwagen zu kramen bis er eine Flasche Glasreiniger in Händen hielt. Aus seiner Aktentasche zog er eine Zeitung.„Meine Frau sagt immer, Fenster putzt man am besten mit Glasreiniger und Zeitungspapier.“

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