Vom Bordstein zur Skyline

Prolog

Er hatte den Hund seit dem Sommer. Eine kleine schwarze Promenadenmischung. Es war nicht so richtig klar, ob der Hund ganz besonders schlau oder ganz außergewöhnlich dumm war. Aber er war da und hatte neben einer schmerzhaften Vergangenheit, dem ein oder anderen hartnäckigen Floh sowie einem kulinarischen Hang zu seinen Ausscheidungen einen ganz besonders außergewöhnlichen Charme. Er war seinem Herrchen also nicht ganz unähnlich. Der war auch so der Typ Straßenköter. Dem Luxus – sofern er ihn serviert bekam – nicht abgeneigt, jedoch nicht bereit, sich von eben diesem seiner Freiheit berauben zu lassen.

Die Geschichte

Er erreichte den Zug im letzten Moment. Mit einem Satz sprang Er in den hintersten Waggon. Ein Pfeifen ertönte und der Zug setzte sich in Bewegung. Nach einem rekordverdächtigen Sprint war Er außer Atem. Er war so schnell gelaufen wie es mit einem Hund unter dem linken und einer abgewetzten 80er-Jahre Sporttasche unter dem rechten Arm nur möglich gewesen war. Die Bullen, ey. Verdachtsunabhängige Personenkontrolle…ja, genau. Sie hatten ihn genauso aus der Menge gecastet wie RTL seine klopapierfressenden, übergewichtigen Hohlköpfe. Mitten aus dem Leben und sämtliche Vorurteile erfüllend. In seinem Fall: müde Augen, verstrubbelte Haare (bei Herrchen und Hund), Mütze (nur beim Herrchen) und eine für den Otto-Normalverbraucher insgesamt eher wahllos zusammengestellte Garderobe (Kenner wussten allerdings, dass dieser Look eines gottgegebenen Talents für Mode bedurfte). Insgesamt also die Kategorie:

„Also Ilse, ich finde, der braucht sich gar nicht wundern, wenn die Polizei ihn rauszieht.“

Verwundert war er gar nicht. Genervt schon eher. Hätte Er nicht den Zug erwischen müssen, wäre die Begegnung mit der Polizei wohl anders verlaufen. Immerhin hatte Er drei Semester Jura studiert. Er kannte seine Rechte und an Rhetorik und Argumentationsvermögen war seine Juristenkarriere nicht gescheitert. Der Zeitdruck ersparte ihm eine erniedrigende Leibesvisitation. Nach einer oberflächlichen Kontrolle seines Gepäcks und einem Blick auf seine Fahrkarte ließen die Polizisten ihn ziehen. Wenigstens konnte Er zum Abschied den kleinen rosa Plastikbeutel mit verdächtig riechendem Inhalt in der kleinen Kammer der Bahnhofspolizei entsorgen. Er hatte wenig Lust die komplette Zugfahrt mit Hundescheiße in der Jackentasche zu verbringen.

Ein Blick auf die Fahrkarte bestätigte ihm, dass sein Sitzplatz am anderen Ende des Zuges auf ihn wartete. Der Zug war heillos überfüllt. Weihnachtsfeiertage. Alle strömten sie vollbepackt zu ihren Familien, um Freude über Wiedersehen und bedeutungslose Geschenke vorzutäuschen und insgeheim die Stunden zu zählen bis man wieder möglichst weit entfernt war von diesen Menschen, mit denen man meist nicht mehr als ein paar Genstränge gemeinsam hatte. Ja, Weihnachten war genau sein Ding. Während Er sich mit seinem Hund auf dem Arm durch die Gänge quetschte, fragte Er sich, warum sich die Leute das antaten. Warum Er sich das antat. Er konnte sich gut vorstellen, was die Leute gedacht hatten als sie sich das Bahnticket gekauft hatten: „Du, ne, Fernbus. Ich weiß ja nich. Das dauert ja viel länger und ist lang nicht so komfortabel wie die Bahn. Die ist auch umweltfreundlicher. Da zahl’ ich lieber ein bisschen mehr.“ Die 2,50€ Sitzplatzreservierung hatten sie sich dann aber doch lieber gespart. „Da find’ ich schon was. Kein Problem.“ Dass man dann vor der Klotür auf seinem Trolley sitzt (Superangebot im Tschibo, superpraktisch), während heulende Kinder das Klo vollstinken und sich der achso praktische Griff des Trolleys wie die Füllung der Weihnachtsgans verhält und sich langsam seinen Weg in den Enddarm sucht, darauf war man nicht vorbereitet. Ganz und gar nicht.

„Sorry, darf ich mal?“

Er schob eine vierköpfige Familie zur Seite und zog an einem Jungen, der an der Waggontür festzukleben schien. Es machte laut ‚PLOP’ als dieser sich vom Glas löste und zu Boden sank. Er betrat den vordersten Wagen. So musste es sich angefühlt haben als der erste DDR-Bürger nach dem Mauerfall Westdeutschland betreten, als Neil Armstrong die Tür seiner Mondlandekapsel geöffnet, als Er seinen Kopf vor 24 Jahren aus dem Unterleib seiner Mutter gequetscht hatte. Ein Gefühl von Freiheit. Erhaben über alles, was man zurück gelassen hatte. Angekommen an einem Ort, den man so schnell nicht mehr verlassen wollte und der mit Reizen lockte, die vorher undenkbar erschienen. Und ganz besonders dieser eine Reiz, der bereits den DDR-Typen, den Mond-Typen und ihn vor 24 Jahren begeistert hatte:

Beinfreiheit!

Mit einem erleichterten Seufzer sank Er in seinen Sitz. Der Hund machte es sich zu seinen Füßen bequem. Platz genug gab es ja. Mit Kopfhörern auf döste Er ein und wurde erst vom Schaffner geweckt, der ihn skeptisch musterte und nach seiner Fahrkarte verlangte. Er musterte zurück und fragte den Schaffner, ob er zufälligerweise einen Bruder bei der Münchner Bahnhofspolizei habe, Er erkenne da gewisse Ähnlichkeiten. Der Schaffner stempelte die Fahrkarte und warf einen abschätzigen Blick auf den Hund, der sich mitten im Gang genüsslich die Eier leckte.

„Sind Sie das erste Mal in der ersten Klasse?“

„Nein, aber das ist schon eine Weile her. Zuletzt als ich acht war, aber dafür gleich zweimal hintereinander.“

Er schaute gelangweilt und setzte seine Kopfhörer wieder auf. Der Hund war immer noch beschäftigt. Es faszinierte ihn, was so eine Fahrkarte bewirken konnte. In den Wagen hinter ihm stapelten sich die Leute wie Schichtnougat und er fühlte sich erhaben wie die Kirsche auf der Sahnetorte. Sein Magen knurrte. Just in diesem Moment erschien eine Dame mit einem quietschenden Wagen voller Speisen. Er griff gierig zu. Während Er Käsebrot, Schokoriegel und Instantkaffee verschlang, gönnte sein Hund sich konfierten Ikarimi-Lachs, Lammkeule mit Pastinakenpüree und Schokoladensoufflé. Er war gespannt, wann der Hund die Seiten 64-69 der DBmobil wieder auskotzen, und ob die „ausgefallenen Rezepte für ihr ganz besonderes Weihnachtsdinner“ dann noch zu lesen sein würden.

Nach einiger Zeit erwischte Er sich dabei, wie Er seine Überlegenheit gegenüber den anderen Passagieren genoss, es geradezu auskostete. Aber so war das nun einmal. Wenn man es sich leisten konnte. Warum sollte man dann in der zweiten Klasse schmoren wie ein Bergarbeiter im Hochofen? Es war ja nicht seine Schuld, dass sich der Großteil der Leute diesen Luxus nicht gönnen konnte. Außerdem wäre die erste Klasse ja dann sinnlos. Nein, nein, Er brauchte sich da keine Gedanken zu machen. Noch dazu hatte Er ja an den Hund denken müssen. Der arme wäre ja völlig nervös geworden zwischen all den schwitzenden Leibern. Das war alles völlig gerechtfertigt.

„Wie die Tiere, nicht wahr?“

Die Stimme kam von schräg gegenüber. Das Alter der Frau war schwer zu bestimmen. Lippen und Brüste waren 25, Augen und Stimme 75. Im Schnitt also 50, doch sicher war Er sich nicht. Als Er sie fragend ansah, deutete sie auf die Tür zur zweiten Klasse.

„Ein Vorhang wäre angebracht“.

War er aber nicht. So recht konnte Er seinen Ohren nicht trauen. Ihre ausdruckslose Mine war schwer zu deuten, doch ihr Kopfschütteln und ein Geräusch als ließe sie die Luft aus ihren Schlauchbootlippen unterstrichen ihre Abneigung.

„Meinen Sie mit Tieren eher so etwas wie meinen Hund hier oder den toten Nerz um ihre Schulter, der nach dem dritten Elektroschock noch immer nicht richtig tot war und dem dann einfach noch im Todeskampf bei lebendigen Leib das Fell über die Ohren gezogen und dessen nackter lebloser Körper dann achtlos in eine Tonne gekloppt wurde?“

Sie hatte den gleichen Gesichtsausdruck wie vor ein paar Wochen als sie nach ihrem Besuch bei Dr. Schönberg auf Shoppingtour gegangen war, sich den Nerz das erste Mal um ihre Schultern gelegt und das weiche Fell ihren feisten Nacken umspielt hatte. Dass diesmal allerdings etwas anderes in ihr vorging, war nur daran zu erkennen, dass sie ein anderes Geräusch von sich gab. Gar keines. Statt des erfreuten Quiekens, herrschte Stille. Nur ein leises Pfeifen, das rasch verklang.
Das Schlauchboot war gesunken.

Er setzte seine Kopfhörer wieder auf. Die weitere Fahrt verging ereignislos. Die Landschaft flog vorbei. Häuser, Wälder, Felder, Bahnhöfe, Lärmschutzwälle, Industriegebiete. Vor den Fenstern veränderte sich nicht viel. Dahinter allerdings auch nicht. Es stiegen Menschen ein und aus, doch einen Unterschied machte das nicht. Die zweite Klasse platzte weiterhin aus allen Nähten. Der Schaffner hatte aufgegeben sich durch die Menge zu quetschen. Stattdessen erzählte er der Frau mit dem Speisewagen begeistert von seiner Kronkorkensammlung.

Es waren noch fast zwei Stunden bis Freiburg und Er fing an sich zu langweilen. Er begann nachzudenken und hatte kurze Zeit später eine Idee. Er checkte den Fahrplan und musste grinsen.

Der zweite Sprint des Tages führte ihn wieder in den letzten Waggon. Der Zug hatte in irgendeinem Kuhkaff Halt gemacht und Er war auf den Bahnsteig gehechtet und den Zug entlang gesprintet. Diesmal hatte Er nur den Hund dabei, seine Tasche hatte Er in der ersten Klasse zurückgelassen. Die Zeit müsste reichen.

Als der Zug wieder losfuhr kramte Er sein Handy raus und hielt es sich ans Ohr:

„Heeeeey!“, der gesamte Waggon konnte ihn hören.

„Ja, du, ich hab’s grad so geschafft. Du meine Güte musste ich rennen. Wo bist du denn? Der Zug ist ja völlig überfüllt…Achso, die erste Klasse ist ganz vorne? Na, du meine Güte!“

Er klang wie eine Mischung aus Harald Glööckler und Carmen Geißen.[1]

„Ja, du, mal schaun, wie lang ich da jetzt brauche…mhm, aha, mhm…na, supi, weil hier stapeln sich die Leute ja. Widerlich ist das…Ja, hoffe ich doch, dass in der ersten Klasse alles frei ist. Ja, super, bis gleich Schätzchen!“

Dieses Spiel wiederholte Er in jedem Waggon. Die Passagiere straften ihn mit bösen Blicken und abschätzigem Gemurmel. Er trat auf insgesamt drei Hände, fünf Füße, sechs Jacken und rempelte mindestens neunundsechzig Leute an. Als Er schließlich an der ersten Klasse ankam, klebte dort erneut ein Kind an der Scheibe. Er zog, es machte ‚PLOP’ und er betrat den nahezu leeren Waggon. Unterwegs war Er dem Schaffner begegnet, der ein neues Opfer für seine Ausführungen über die Tücken der Kronkorkensammlung gefunden hatte.

Er sah auf die Uhr. Er lag gut in der Zeit. Er hatte auf seinem Weg durch den Zug am Ende jedes Waggons kurz angehalten und genüsslich dem genervten Gemurmel der anderen Fahrgäste gelauscht. Keiner von ihnen hatte ihm den Platz in der ersten Klasse gegönnt. Er packte seinen Kram zusammen. Der Hund wuselte aufgeregt um seine Beine, denn er verstand, dass die Zugfahrt bald ein Ende haben würde. Seine Blase glich vermutlich einer gut gefüllten Wasserbombe in den Händen eines sehr ungeschickten Kindes. Der Zug würde in wenigen Minuten den nächsten Halt erreichen. Er schlenderte durch die letzten Reihen vor der Lok, ein verschmitztes, selbstzufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen.

Er sah sich noch einmal um und griff dann nach dem Mikrofon für die Durchsagen, das da so unbeachtet neben der Tür zur Lok hing.[2] Er räusperte sich [3] und begann:

„Sehr geehrte Fahrgäste, wir bitten um Ihre Aufmerksamkeit. Wie sie vielleicht bemerkt haben, sind die Wagen der zweiten Klasse völlig überfüllt. Es herrschen unzumutbare Zustände für die Reisenden der zweiten Klasse. Daher haben wir uns entschieden, sie nicht länger um Ihr Verständnis zu bitten, sondern konkrete Maßnahmen zu ergreifen. Nirgendwo sonst wird die Zweiklassengesellschaft so deutlich wie im Flug- und Bahnverkehr. Doch auch in anderen Bereichen der Gesellschaft ist sie spürbar. Wir wollen das nicht länger dulden. Sie, sehr verehrte Fahrgäste sollen das nicht länger dulden müssen! Es ist also in Ihrem Interesse, wenn ich Ihnen nun mitteile, das ab sofort jeder Sitzplatz, und ich meine JEDER, für Sie zur Verfügung steht. Lassen Sie sich nicht von Gedankenkonstrukten in Form von großen weißen Zahlen auf Waggontüren abhalten. Das Zweiklassensystem in diesem Zug ist mit sofortiger Wirkung aufgehoben!“

Seine Stimme donnerte durch die Lautsprecher. Im Zug herrschte angespannte Stille.

„Wir erreichen soeben den Bahnhof Freiburg im Breisgau. Wir wünschen Ihnen weiterhin eine angenehme Fahrt, entschuldigen uns für unsere bisherige Unfähigkeit und verabschieden uns. Thank you for travelling with Deutsche Bahn…ARCHIEEEE!“

Epilog

Er war in dem Moment aus dem Zug gesprungen, als sich die angespannte Stille in ein immer lauter werdendes Poltern verwandelte und vor der Tür zur ersten Klasse ein lautes ‚PLOP’ erklang.

Er lief gemächlich durch den kleinen Bahnhof und genoss ein Gefühl aus Euphorie und absoluter Selbstzufriedenheit. Gerade als Er den Bahnhof verlassen wollte, wurde Er aufgehalten. Er sah dem Mann tief in die Augen und ein verschmitztes, selbstzufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen . Er musste nicht mehr sprinten. Er hatte alle Zeit der Welt. Seine Hand umklammerte einen prallgefüllten, warmen Plastikbeutel in seiner Jackentasche.

„Guten Abend, Herr Wachtmeister.“

[1] Ich oute mich ja nur ungern, diese zwei Personen des öffentlichen Lebens zu kennen. Aber heutzutage muss man informiert sein. Für alle anderen:
https://www.youtube.com/watch?v=UDoXFLPZ-N4
https://www.youtube.com/watch?v=Jy4wYa4CLUA

[2] Es interessiert mich nicht, ob die woanders hängen oder bewacht sind oder sonstwas. In diesem speziellen Zug hing es neben der Tür zur Lok. Außerdem hat meine google-Suche ‚Zug Durchsagen Gerät wo’ zu keinen hilfreichen Ergebnissen geführt.

[3] Er hatte zu oft diese Känguru-Bücher gelesen

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