Deutsche Kindheit

Er hatte eine Kindheit. So viel steht fest. Keine klischeehafte Bilderbuchkindheit. Aber auch keine, die was für einen Achtklässler-Bestürzungsroman hermachen würde. Er lief nicht in Lumpen. Sein Zimmer war auch das Zimmer seiner Schwester. Er konnte sich in Lego ertränken. Der Balkon war eine Müllhalde. Sie flogen in den Cluburlaub auf die Kanaren. An der Wohnzimmertür hing ein Poster von Michael Jackson, weil jemand vor Wut ein Loch in die Tür geschlagen hatte. Keine Sorge. Kein Massivholz. Er war kein Schlüsselkind. Er bekam Liebe und Aufmerksamkeit, aber kein Taschengeld. 
Ihm ging es gut. Doch er wusste, dass sich sein Leben von dem seiner Freunde unterschied. Von diesen typisch deutschen Familien. Irgendwann wurde ihm klar, was es war. Regelmäßigkeit. Sicherheit. Sicher war nur, dass nichts sicher war. Das wusste er früh. In den typisch deutschen Familien hingegen war so viel sicher. So viel regelmäßig.. 

Kaffee und Kuchen um drei Uhr. Apfelstreusel, Kirschstreusel, Birnenstreusel, Zwetschgenstreusel. Ohne Streusel keine Competition. Regelmäßigkeit.

Flauschige Badezimmermatten, die sich perfekt an die Konturen der Badezimmermöbel anpassten, fand er zwar hässlich, aber auf sie war wenigstens Verlass. Sie waren immer da. Sorgten dafür, dass man nach der Dusche nicht ausrutschte und mit einem Schädelbasisbruch jämmerlich verblutete. Sicherheit.

Seine Mitschüler waren neidisch, wenn er sich in der Pause am Kiosk mit Nussschnecken eindeckte. Dabei wünschte er sich seine eigene Brotbox mit Karottensticks und Vollkornbrot. Regelmäßigkeit. 

Jedes Jahr, wenn die Schulbücher für das neue Schuljahr ausgeteilt wurden, überkam ihn ein Schauer. Seine ältere Schwester würde die Bravo-Poster zurecht schneiden und alle Bücher mit Backstreet Boys, Robbie Williams und TicTacToe umhüllen. Dritte Stunde Bio. Robbie, mach dich bereit für deinen großen Auftritt. Man wusste nie, wie lang die Poster halten würden. Ganz im Gegenteil zu diesen durchsichtigen Plastikhüllen mit dem roten Rand. Die konnte man noch an seine Enkelkinder vermachen. Sicherheit.

Da waren noch mehr Dinge, die sein Leben von dem seiner Freunde und Mitschüler unterschieden. Kaninchen. Jeder hatte Kaninchen. Kindergeburtstagsabschiedstüten. Sowieso das Highlight. Vorratskammern und Tiefkühltruhen. Falls die Überflussgesellschaft ein abruptes Ende nehmen sollte. Elmex Gelee. Widerlich, aber zwingend nötig, zwecks der Süßigkeitenschublade. Ihm wurde klar, dass er ein Spießer war oder zumindest wie das Mädchen in der Werbung einer sein wollte. 
Was er von all den Dingen, in den Häusern aber am meisten bewunderte, gar verehrte, war der scheinbar nie enden wollende Vorrat an gut gefüllten Getränkekisten im Keller. Sprudelwasser, Apfelschorle, Zitronenlimonade, Bier. Alles in Glasflaschen, sauber aufgereiht. Eine nie versiegende Quelle der Erfrischung. Geradezu magisch. Dazu dieses pastellfarbene Plastikgestell, mit dem man sechs Flaschen auf einmal in die heiligen Höhen des Esszimmers befördern konnte. Esszimmer. Nicht Couch vor dem Fernseher.

Er wusste natürlich, dass da keine Magie im Spiel war. Die leeren Kisten landeten im Kofferraum (direkt neben dem zusammenklappbaren Einkaufskorb). Dann ab zum Getränkemarkt und die leeren gegen die vollen austauschen. Immer die gleichen. Keine Abweichung. Der perfekte Kreislauf.

Das Pfand wurde verrechnet. Schon immer. Er fragte sich, ob sich jemand jemals daran erinnern konnte, wann dieser Pfandbetrag das erste Mal bezahlt wurde. Vermutlich gab es ihn schon immer. Eine unumstößliche Konstante aus grauer Vorzeit. Vielleicht noch in D-Mark bezahlt. Unbeeindruckt von Wirtschaftskrise und Inflation. Die Idee, das Pfand könnte eines Tages ausbezahlt werden, war vergleichbar mit der Apokalypse. Dem totalen Zusammenbruch eines sicheren Gefüges.

Dieser Pfandbetrag war für ihn der Inbegriff von Sicherheit und Regelmäßigkeit in typisch deutschen Familien. Ein Betrag, dessen Höhe belanglos war. Das faszinierte ihn. Ihn, für den ein geregeltes Einkommen der Eltern etwas war, dass nur anderen Leuten passierte. 
Zwei Kisten Sprudel, eine Kiste Apfelschorle, eine Kiste Zitronenlimonade und ein Kasten Bier. Völlig egal, ob das Pfand zehn Euro oder tausend Euro wert war. Wurde immer verrechnet und wird auch immer verrechnet werden. Immer wieder. Immer wieder. Unumstößliche Regelmäßigkeit, absolute Sicherheit.

Sie stand weinend vor ihm. Ihre Wimperntusche ronn in kleinen schwarzen Bächen die geröteten Wangen hinab. Sie schnappte nach Luft. Ihre zarten Schultern bebten. Auf und ab. Er wusste nicht, warum sie derart aufgelöst vor seiner Tür stand. In der Schule war sie noch bester Laune gewesen. Seine beste Freundin. Das blonde Mädchen aus der typisch deutschen Familie. 

Er sah den verknitterten Zettel in ihrer Hand erst, als sie sich mit dem Ärmel, die Tränen abwischte. Er nahm ihn ihr aus der Hand, um einen Blick darauf zu werfen. Getränkemarkt Schäfer. Endbetrag: -16,90€



Sicher war also bloß, dass nichts sicher war. 

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One thought on “Deutsche Kindheit

  1. immer wieder eine wanne voll wonne sich deine literarischen werke einzuverleiben

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