Da steckst nicht drin

Vorwort 

Bevors los geht. Ich hatte dieses Semester das Vergnügen an einer Schreibwerkstatt an der Carl-von-Linde-Akademie für Studenten der TU München teilzunehmen. Das war sehr schön. Ich hatte mich im Vorfeld für alle möglichen Wahlfach-Kurse angemeldet, weil ich dringend ECTS-Punkte brauchte. “Umgang mit sich selbst”, “Entspannt Prüfungen bestehen”, “Zeitmanagement ist Selbstmanagement”. Ich komm eigentlich ganz gut aus mit mir, Prüfungen hab ich alle bestanden und für Zeitmanagement hab ich den Termin verpasst. Dann wars also die Schreibwerkstatt. Durchwegs positive Erfahrung gemacht, neue Eindrücke gewonnen und mich auch mal kritisch und intensiv mit meiner Schreibe auseinander gesetzt. Ich musste feststellen, dass meine Nerd-Vorurteile gegenüber TU Studenten zum Großteil widerlegt wurden. Die sind ja gar nicht so…ja wie eigentlich? Nerdig? Froh war ich trotzdem, als sich dann doch wer erbarmte und ausführlich über Rollenspiel sinnierte. Wär sonst auch enttäuschend gewesen, mein Weltbild so bröckeln zu sehen. 
Danke an das Dozenten Tagteam Dr. Katrin Lange vom Literaturhaus München und Alex Rühle (der hat sogar ‘nen Wikipedia-Eintrag !) von der SZ. Sie haben sich wunderbar ergänzt und tatsächlich echtes Interesse am Fortschritt der Teilnehmer gezeigt. Oder verdammt gut so getan. Danke an die anderen Teilnehmer, es war mir ein Volksfest. 
Genug geschwafelt. Gechichte. Jetzt!

 

Da steckst nicht drin

Pling. Die Aufzugtür schloss sich. Im letzten Moment wurde sie aufgehalten. Ein schwarzer glänzender Lackschuh steckte in der Tür, ebenso ein blauer tropfender Wischmopp. An dem Schuh hing ein Mann im Anzug, an dem Mopp eine Frau im Kittel. Die Türautomatik reagierte, sodass der Mann einsteigen konnte. Er schüttelt seinen Schuh und den Kopf. Die Tür schloss sich erneut.„Danke“, der Mann nahm das Tuch entgegen, wischte sich unbeholfen über seinen Schuh und reichte es der Frau zurück.
„Bitte.“, sie nickte.
Nahezu geräuschlos bahnte sich der gläserne Kasten seinen Weg in die Höhe. So spät am Abend war das Bürogebäude wie ausgestorben. 2…3…der Mann starrte auf die Zahlen im Display. 4…auf halbem Weg in den 5. Stock kam der Aufzug ruckartig zum stehen.
„Nicht im Ernst! Was soll denn das jetzt?“, der Mann schnaubte.
Die Frau schwieg.
„Das hat mir gerade noch gefehlt. Als hätte ich nicht besseres zu tun, als hier im Aufzug zu stecken“
Er suchte nach dem Notknopf und drückte hektisch daran herum. Es erklang ein regelmäßiger Piepston.
„Meisner Aufzugnotdienst, was kann ich für Sie tun?“, die blecherne Stimme klang gelangweilt.
„Sie sind ein verdammter Aufzugnotdienst. Was glauben Sie, können Sie für mich tun? Ich hätte gerne einen Doppel-Whopper mit extra Käse…“
„Pommes oder ein Getränk dazu?“
Der Mann schüttelte erneut den Kopf, Schweiß trat auf seine Stirn „Hören Sie, ich bin nicht für Späße aufgelegt. Schicken Sie gefälligst jemanden vorbei, der mich aus diesem Aufzug rausholt“
„Bitte“, fügte die Putzfrau hinzu.
„Aha, sie stecken wohl fest. Mein System sagt mir, dass Sie sich in der Landesbank befinden. Richtig?“
„Ja. Zwischen 4 und 5. Stock“, der Mann wurde wieder ruhiger.
„Aha, witzig. In China hätte Ihnen das nicht passieren können, da gibt es keinen 4. Stock. Wussten Sie das? Vier ist dort eine Unglückszahl. Da würden Sie jetzt zwischen 3. und 5. Stockwerk festsitzen. Das kann man sich ja gar nicht vorstellen, so ein Aberglaube.“, blechernes Kichern.
Der Mann schnaubte wieder. „Hören Sie mir mal zu. Entweder Sie schicken mir jetzt Hilfe oder ich rufe einfach die Feuerwehr an. Machen Sie gefälligst ihren Job“
„Bitte.“, die Putzfrau wischte teilnahmslos über einen Fleck am Glas.
„Junger Mann, immer mit der Ruhe. Sind Sie denn verletzt? Klaustrophobiker?Schwanger?“
„Nein…hier ist niemand verletzt oder schwanger, aber ich werde gleich zum Choleriker“
„Aha, also gut. Ich schicke Ihnen Hilfe vorbei, kann ein bisschen dauern, ganz schön was los heute. Der Burger wird bis dahin vermutlich kalt sein“
„Unfassbar. Customer Support unter aller Sau. Wer bei Ihnen für die Human Ressource zuständig ist, muss unter völliger Inkompetenz leiden“

Die Putzfrau hatte in der Zwischenzeit die gläserne Rückwand in Angriff genommen und schrubbte an einem hartnäckigen Fleck herum. Sie summte leise eine Melodie vor sich hin. Der Mann zog sein Sakko aus und lockerte die Krawatte. Er schwitzte. Die Frau reichte ihm erneut ein Tuch, damit er sich den Schweiß von der Stirn tupfen konnte.
„Danke“
„Bitte“
„Wie können Sie nur so ruhig bleiben? Ich meine, Sie stehen da und putzen. Wir stecken hier im Aufzug. Es kann noch Stunden dauern bis Hilfe kommt, ich habe keine Zeit für so etwas.“
Die Frau kramte in ihrem Putzwagen und wurde fündig. Sie hielt dem Mann eine Schachtel Zigaretten entgegen. Er zögerte, griff dann gierig zu. Der Rauch füllte die Kabine. Der Mann entspannte ein wenig.
„Danke.“
„Bitte.“
„Ich habe eigentlich aufgehört. Zumindest vor meiner Frau. Sie sagt immer, ich sei ein schlechtes Vorbild für die Kinder. Ich reißʼ mir in der Arbeit den Arsch auf, hab mindestens 50 Angestellte unter mir und zu Hause nichts zu sagen.“
Er wollte gerade auf den Aufzugboden aschen. Die Putzfrau räusperte sich und sah ihn streng an. Schuldbewusst zielte er in den Müllbeutel am Putzwagen.
Er schaute auf die Uhr und wurde wieder nervös. „Wie lang soll das hier bitte dauern? Vermutlich ewig. Wir haben bestimmt nicht highest priority. Ich habe einen Haufen Akten auf dem Schreibtisch und Deadline bis Ende der Woche. Ich bin doch nicht zum Spaß so spät noch in der Arbeit.“

Erneut kramte die Frau im Putzwagen. Erneut wurde sie fündig. Diesmal hielt sie dem Mann einen Flachmann entgegen. Zögernd nahm er das glänzende Gefäß entgegen. Der Inhalt roch beißend, dennoch leicht süßlich. Vermutlich selbstgebrannt und hochprozentig. Vorsichtig nahm er einen Schluck. Der Schnaps brannte sich seinen Weg durch seine Kehle. Es schüttelte ihn kurz, doch die süße Note sorgte für Beruhigung. Der Alkohol stieg ihm schnell zu Kopf, er wurde rot.
„Danke.“, hauchte er.
„Bitte.“ Die Frau nahm einen tiefen Schluck ohne eine Miene zu verziehen.
„Starkes Schnäpschen. Brennt alle Sorgen weg. Meine Frau sagt ja immer, Alkohol bringe irgendwelche Chakren durcheinander und störe die Harmonie von Körper und Geist“ Der Mann trank ein weiteres Mal. Seine Augen tränten, er starrte ins Leere. „Ich bin noch nie festgesteckt“

Ein Kratzen im Lautsprecher weckte die Aufmerksamkeit der zwei Eingesperrten.
„Hallo? Sind sie noch da?“ Die Stimme aus dem Lautsprecher kicherte. „Haha. Blöde Frage. Natürlich sind Sie noch da. Die Feuerwehr ist verständigt und wird bald eintreffen. Sie müssen verstehen, dass Sie nicht ganz oben auf der Prioritätenliste stehen an einem Freitagabend, aber machen Sie sich keine Sorg…“ Die Stimme brach ab. Der Mann hatte dem Lautsprecher einen heftigen Schlag versetzt und bedeckte ihn nun mit einem Tuch. Für einen kurzen Moment war nur noch ein dumpfes, unverständliches Gemurmel zu verstehen bis auch dies verstummte.

Der Frau huschte ein Lächeln übers Gesicht.

„Danke.“

„Bitte.“

Er schüttelte den Kopf, steckte sich eine weitere Zigarette an und gönnte sich einen Schluck aus dem Flachmann. Schließlich begann er im Putzwagen zu kramen bis er eine Flasche Glasreiniger in Händen hielt. Aus seiner Aktentasche zog er eine Zeitung.„Meine Frau sagt immer, Fenster putzt man am besten mit Glasreiniger und Zeitungspapier.“

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Ich glaub’ ich bin Rassist

Vormittag im Münchner Westen. Ich sitze leicht übermüdet in der Trambahn. Häuserreihen eiern vorbei. Ich starre, schiele in die Luft. Verschiedene Leute in der Bahn. Zwei Menschen, die mir auffallen. Mann und Frau, dick eingepackt und voll bepackt mit diesen großen Kaufland-Plastik- Knister-Taschen voller Decken. Die optische Einteilung ist längst abgeschlossen. Osteueropa. Gypsy-Background? Bettlerbande? Die traurigen, müden Gesichtsausdrücke würden passen.

Alles schön und gut. Bin ja tolerant. Haben die ʼnen Fahrschein? Ich nicht, aber das ist nicht das Problem. Mir steigt in unregelmäßigen Abständen ein stechender, saurer Geruch in die Nase. Es brennt so richtig, lässt sich weder zuordnen noch orten. Die anderen Leute rümpfen auch die Nase. Ich lasse mir nichts anmerken, weiß ja nicht woʼs herkommt. Aber mei, vielleicht haben sich die zwei länger nicht waschen können oder erbettelte Essensreste in den Taschen oder fiese Verdauungsprobleme. Woher soll ich das wissen? Meine Nase juckt, mir wird ein bisschen schlecht.

Als ich aussteige freue ich mich über die erlösende Frischluftwatschn. Hach, unsere gute Münchner Luft. Geht uns gut hier, kann man nix sagen. Richtig idyllisch, alles so schön sauber und wohlriechend.

Zuhause knote ich meinen Jutebeutel auf. Oha! Mich erschlägt ein beißender Geruch. Ich wühle hektisch. Meine Finger ertasten etwas nass-glitschiges…und eine Plastikverpackung. Flashback zum Picknick gestern.

„Original deutscher Kartoffelsalat“

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Krankheit ist ne schöne Zeit

Ich hatte da so einen kleinen Skate-Crash. Auch liebevoll als “little meet an greet with the concrete” bezeichnet.

13.05.14 — Beim Arzt

Der Arzt:
Oh, da ist alles durch. Fortgeschrittene Schultereckgelenksprengung. Ich rate Ihnen, dass ich das aufschneide.

Erwartungsvolles Glitzern in seinen Augen.

Mein Kopf:
Schultereckgelenksprengung. Zergeht auf der Zunge. Deutsche Sprache. Du bist so wunderschön, dass es mir schwerfällt dich mit deinen eigenen schier unbegrenzten Unmöglichkeiten selbst zu beschreiben.

Der Arzt:
Dann hier ein Schnitt…zieht die Clavicula runter…Draht…starke Schmerzmittel…Physiotherapie…noch Fragen?

Mein Kopf: 
Mhhh Schmerzmittel…Nagut, Operation.

Wird ganz schön weh tun, aber dafür dauert die Heilung auch lange.

Sport ist erstmal gestorben, aber dafür darfst du auch nicht in die Sonne.

Dann musst du alles mit der schwachen Hand machen, aber dafür kannst du dich auch nicht richtig waschen.

Du musst 6 Wochen Schlinge tragen, aber dafür kannst du jetzt in Ruhe deine Bachelorarbeit schreiben.

Juhu. Mach ich mit links.

 

20.05.14 — Im Krankenhaus

Hoch…runter…hoch…runter. Ich liebe dieses Bett und schmiede Pläne, wie ich es hier raus und nach Hause bekomme. Ist aber auch das einzige, was mir wirklich Freude bereitet momentan.
Das Zimmer ist hell, mit dem Versuch von freundlich. Krankenhauscharme. Ich liege da in meinem Arsch-offen-OP-Hemd. Eher so Krankenhausscham.
Die zwei Best-Agers in meinem Zimmer unterhalten sich ausführlich über ihre Leiden und ihre vom Krebs dahin gerafften Ehemänner. Zwei künstliche Knie, acht kaputte Bandscheiben, Rheuma, Osteoporose, neue Hüfte in Aussicht. Und die andere hat auch Wehwehchen.

Nichtsdestotrotz: Nette Damen.

Ich klingel zum dritten Mal nach Schmerzmitteln, lass mich von der Infusion benebeln und das einzige, was ich zur Unterhaltung beisteuern kann ist mein Mageninhalt auf dem Kirschholzoptik-PVC-Boden.

 

Der “eh klar”-Eklat

Ein Gedicht!

 

Was ich sagen will ist wirklich
ja schon eher ziemlich
ab und an sogar halt eigentlich
eventuell auch sowieso relativ eindeutig

 

Was ich sagen will ist freilich
ohne weiteres quasi gelegentlich
offenbar vermutlich
größtenteils wohl trotzdem deutlich

 

Was ich sagen will ist tatsächlich
nun  mehr oder weniger natürlich
meist doch schon gewissermaßen
selbstverständlich
unmissverständlich

eh klar.

 

 

 

Make Love to Füllwörter und machs dir selber!
Also so ein Gedicht. 
Anleitung:

Wörter der Liste entnehmen aneinanderreihen fertig.

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Wenn ich ein Tier wäre, wäre ich ein Mensch!

 

 

Schimpansen sind Allesfresser.
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Ich auch.

 

Opossums sind Allesfresser.
Opossums stellen sich bei Gefahr tot.Image
Ich auch.

 

Eulen fressen sich gegenseitig.Image
Ich nicht.
Ich schau nur so aus.

Am Anfang war das Chaos

Folgende Geschichte ist nicht so einfach zu erzählen. Die Umstände sind mit dem menschlichen Geist nicht zu erfassen. Und schon gar nicht mit den Beschränkungen unserer Sprache. Lasst es mich trotzdem versuchen:

Es  geschah vor langer Zeit. Oder geschieht noch. Oder wird erst geschehen.

Ach, whatever.

Am Anfang war das Chaos…

…ziemlich allein.

Das fand es eher doof und überlegte wie das zu ändern sei.

Das Chaos hatte noch nie etwas von Physik oder Naturgesetzen oder Gott oder Darwin oder Spritzgusstechnik gehört. Aber ihm war schrecklich langweilig so allein. Da beschloss es zu niesen. Hatschi. Naja, wenn ein Chaos niest ist das nicht zu vergleichen mit einem uns bekannten menschlichen Niesen. Ein Chaos-Nieser ist nicht nur laut, nass und glitschig, sondern auch bunt, leise, trocken und überhaupt irgendwie alles. Das Chaos machte also nicht Hatschi. Es machte HATSCHI!

Nach diesem monumentalen Nasenerguss war das Chaos plötzlich[1] nicht mehr allein. Vor ihm[2] war etwas erschienen
„Oh, welch ein schöner Zufall“, sagte das Chaos.

„Hehe, danke“, entgegnete der Zufall  verlegen.

Chaos und Zufall verstanden sich prächtig und wurden gute Freunde. Eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen war es, Welten zu erschaffen. Besonders stolz waren sie auf eine kleine blaue Kugel. Im Vollsuff und benebelt von Substanzen, deren Wirkung wir nichtmal im entferntesten erahnen können, war sie entstanden.
„Hihihihihihihihihi. Ne Kugel. Das macht doch keinen Sinn. Da fällt doch alles unten runter. Hihihihi!“ Zufall hing kichernd irgendwo zwischen mehreren Dimensionen.

„Du Depp. Wir wissen doch gar nicht, was Schwerkraft ist.“ Chaos schüttelte den Kopf, den er gar nicht besaß.

Sie erschufen noch viele weitere Welten. Auch die ein oder andere Kugel, aber an denen verloren sie schnell das Interesse. Die kleine blaue hielt die Freunde allerdings in ihrem Bann. Sie beobachteten genau, was darauf passierte und mischten sich gerne ein. Zufall ging immer äußerst systematisch vor. Chaos hingegen spontan.

Mittlerweile war ganz schön was los auf der Kugel. Zufall mochte die Affen besonders gern. Die Dinosaurier hatten ihn[3] gelangweilt. Während Chaos mal wieder schnarchend seinen Rausch ausschlief, machte sich Zufall an den Affen zu schaffen[4].
Er war gerade dabei das Hirn der Primaten durch dieses glibberige Zeug vom Grund des Ozeans zu ersetzen, als Chaos hochschreckte.

„AAAAAAAAAAH!“ Chaos war kreidebleich.
„Was ist denn los? Hattest du einen bösen Traum?“ Zufall sah Chaos besorgt an.
„Ja. Das Finanzamt war hinter mir her und wollte, dass ich Formulare ausfülle.“
„Finanzamt? Was soll das denn sein?“
Chaos beruhigte sich allmählich: „Ich weiß doch auch nicht, aber ich musste eine Nummer ziehen und als ich in diesen Raum kam, wurde es so kalt. Ganz furchtbar kalt.“
Zufall sprach ganz ruhig: „Alles ist gut. Du bist sicher. Schau lieber mal, was ich tolles mit den Affen angestellt habe.“

Chaos und Zufall stellten fest, dass die Affen gar kein Affen mehr waren. Zumindest sahen sie ein bisschen anders aus.
„Coole Viecher. Wie hast du das gemacht?“, wollte Chaos wissen.
Zufall war verwirrt. „Keine Ahnung. Eben waren es noch Affen. Jetzt sind es…Nackte Affen[5]
„Scheiß drauf. Lass mal einen trinken gehen!“

Die zwei Freunde beschlossen mal wieder in eine Bar[6] zu gehen. Es war brechend voll als sie ankamen. Chaos und Zufall sahen schon von weitem ein paar alte Bekannte.

„Oh, das muss Schicksal sein“, flüsterte Zufall und deutete auf eine Gestalt an der Bar.
„Ne, das ist Glück, lass mal Hallo sagen“, erwiderte das Chaos.

Sie drängelten sich durch die Menge Richtung Bar.

„Na, Servus Chaos! Lang nicht mehr gesehen“, rief eine der Gestalten an der Bar und umarmte Chaos überschwänglich.
„Das ist Zufall“, sagte Chaos und zeigte auf seinen Freund.
„Und was für einer. Schön dich kennen zu lernen. Ich habe Glück im Gepäck.“ Die Gestalt deutete auf seinen Sitznachbarn, der schon etwas schwankte.
„Freut mich.“, Glück musste aufstoßen.
Zufall fasste zusammen: „Also, du bist Glück und das ist Schicksal!“
„Angenehm“, erwiderte Schicksal, „Liebe ist grad am Klo, glaube ich“
Chaos schrak auf:  „Waaaas? Die sind schon wieder zusammen am Klo? Ich dachte, der Glaube wäre stärker“
Zufall konnte dem Chaos nicht ganz folgen und begann sich zu betrinken. Der Rest der Gruppe schloss sich an und als Glaube und Liebe vom Klo zurück waren, ging der Spaß erst richtig los[7]

Es war ein legendäres Besäufnis. Zufall lud die ganze Meute nach Hause ein, um dort weiter zu feiern. Glück, Schicksal, Zufall, Chaos, Liebe, Spaß, Glaube und Zeit waren völlig im Delirium, als einer von ihnen die blaue Kugel hervorholte. Johlend wurde sie herumgereicht und jeder durfte mal spielen. Nach einigen Runden jedoch hämmerte es an der Tür. Spaß erschrak so sehr, dass er die Kugel fallen ließ. Sie zerbrach.

Chaos wurde zornig und rief
„Ruhe jetzt! Die Realität klopft an die Tür!“


[1]  eigentlich kennt das Chaos kein plötzlich, Zeit interessiert es nicht sonderlich. Wobei die beiden –also   Zeit und Chaos – auch schon ganz lustige Kneipentouren hinter sich hatten. Oder vor sich?

[2]  oder hinter, unter, über, neben…räumliche Präpositionen waren auch nicht so Chaos’ Ding

[3]  vielleicht auch sie. Vielleicht auch es. Diskriminierung ist eher so Menschenzeug

[4]  Hihi. Ein Reim

[5]  Chaos war für die Namen zuständig

[6]  Manche Dinge gibt es in jeder Dimension, Welt oder Realität. Bars gehören definitiv zu solchen Dingen. Genau wie Staub. Staub ist überall.

[7] Spaß war zwischenzeitlich auch in der Bar aufgetaucht

 

Ninja und die Obrigkeit

Ich würde mich ja prinzipiell nicht als sonderlich politisch, rebellisch oder anarchistisch bezeichnen. ACAB zum Beispiel bedeutet in meinem persönlichen Sprachgebrauch nicht mehr als Acht Cola, Acht Bier.

Dennoch. In jedem Gespräch, Disput oder Auseinandersetzung mit Staatsdienern – vielleicht reicht auch nur der Anblick einer Uniform als Ausdruck der absoluten Gleichschaltung – konnte ich jedes Mal ein Phänomen beobachten.
Es spielt sich in meinem Körper mit einem unfassbaren Tempo ab. Sämtliche anarchistisch, rebellisch oder antikapitalistisch veranlagten Zellen (die frechen, vorlauten sowieso) schließen sich in Rekordzeit zusammen, singen die Internationale und übernehmen das Kommando über mein Sprachzentrum.
Manchmal, wenn man genau hinhört, kann man ein: „Mikroorganismen dieses Körpers vereinigt euch!“, vernehmen.

In diesen Situationen sehe ich mich stets vor einer großen Herausforderung. Mein faules angepasstes Ich muss dann doch mal seinen Allerwertesten erheben, um die Revolution ein wenig einzudämmen.

Man will ja dann doch keinen Ärger provozieren.

Aber eigentlich schon.

Naja, ist doch nur unnötiger Stress.

Ja, aber denen muss man schon mal die Stirn bieten.

Mach halt einfach, was die sagen und gut is.

Paah, ich lass mich doch nicht von so dahergelaufenen grünen Männchen schikanieren…

Got it?

Zur weiteren Verdeutlichung meines Dilemmas. 3 Beispiele.

Des Dramas erster Teil:

Im Auto. Firmenauto mit großem Branding. Zwei Praktikanten unterwegs, um eine Kleiderspende zur Caritas zu bringen. Beide Anfang zwanzig. Er mit Bart. Beide mit Mütze. Nicht, dass das irgendjemand interessieren würde.

Polizei hält sie auf. Fahrer muss aussteigen und Fragespielchen mit anschließendem Drogen-Pipi-Test über sich ergehen lassen.
Die Beifahrerin (also ich, für die langsamen) darf smalltalken.

Polizist: „Hallo“
Ninja: “Hallo”
Anarscho-Zellen im Hinterkopf: “Laber mich bloß nicht voll”

 

Tiefer Blick in die Augen.

P:        „Ah, auch Kontaktlinsen, hm.“

N:        „Schon…Haben sie uns jetzt auch nur aufgehalten, weil wir Mützen aufhaben?“
A:        „Schon…Haben sie uns jetzt auch nur aufgehalten, weil wir Mützen aufhaben?
           Vorurteilsbeladenes Arschloch“

Das Gespräch plätschert so vor sich hin.

P:         „Also, Sie machen da auch Praktikum“
N:        „Ja, genau“
A:        „Das geht dich nen Scheißdreck an, du autoritätsgeiler Vollpfosten“

P:        „Aha, Sport studieren Sie. Was macht man dann damit?“
N:        „Hm, ja. Schau ma mal.“
A:        „Alter, ich steig gleich aus und fahr dir über deinen kurzgeschorenen Idioten-Bullen-Schädel.

P:        „Na, irgendwann Geld verdienen wär aber auch ganz gut“
N:        „Guter Mann, ich habe mich die letzten 4 Jahre gut selbst versorgt. Ich bin durchaus in der Lage mein eigenes                   Geld zu verdienen. Danke, schönen Tag noch.“
A:        „So. Du kleiner Mist-Streifen-Bulle willst mir was von Geld verdienen erzählen? Erstens hat dich des einen                     Dreck zu interessieren und zweitens juckt mich deine Meinung nicht. Du beschissenes Zahnrädchen der                              Gesellschaft stehst hier,  schikanierst meinen Kollegen und laberst mich voll. Ich kann gar nicht so viel fressen               wie ich dir ins Gesicht kotzen möchte.“

 

Des Dramas zweiter Teil:

Zuhause. Mittwoch Abend. Dicke Party. 80 Gäste zirka. Ich kenn beim besten Willen nicht alle. Schon laut. Lustig aber auch. Irgendwer sagt was von Polizei. Musik geht aus. Tür steht offen. Im Hausflur zwei junge Typen in grünen Pullis. Ich drinnen.

N: „Woaaah, hey servus!! Wer seid ihr denn so?“

N: „Hahaha. Oh. Ich weiß, wer ihr seid!“

P: „Wir wurden bereits mehrfach angerufen, weil es hier anscheinend unglaublich laut ist“
N: „Puh, äh ja kann schon sein.“

Oh jetzt kommen schon wieder die Anarcho-Zellen ins Spiel:

„Wie bitte? Is so laut hier, ich kann Sie so schlecht verstehen…
Oida, Das ist eine Party und die Wohnung platzt aus allen Nähten, natürlich ist es hier laut!“

P: „Bei unserem letzten Einsatz wegen Ruhestörung gab es eine Geldstrafe in Höhe von 500 Euro.“

Ich dreh mich um, zähle und rechne ein bisschen an meinen Fingern rum. Die Anarcho-Zellen und Ich sind sich ausnahmsweise mal einig:

N: „Öh, ja gut. Krieg ma zam glaub ich“

So richtig lustig fanden die Jungs mich nicht.

P: „In 15 Minuten ist das hier aufgelöst“

N: „Hui, okay ich schau was ich machen kann“
A: „…Jaaaaa. Geeeenaaauuuu!“

Des Dramas vorerst letzter Teil:

Tübingen. Samstag Abend. Spaß mit netten Menschen. Auf der Straße. Ich demonstriere meine meisterlichen Bier-Öffnungs-Künste. Gangster-Street-Life. Diesmal nicht die Polizei. Viel besser.
Das Ordnungsamt.

Trotzdem ein P für die Fragetseller. Die zwei Herren waren liebreizende Politessen.
Im Folgenden erkennt man, dass es nicht immer eine Auseinandersetzung mit den Anarcho-Zellen ist. In einigen Fällen entsteht ein friedliches Nebeneinander. In gewissen Fällen auch ein Miteinander bis hin zu einer untrennbaren Symbiose.

P:       „Wer hat hier das Bier aufgemacht?“
N (sich noch nicht bewusst, wer da fragt):
„Yeah, hier ich wars. Cool gemacht, oder?“

A:     „Düdeldüü, dididididi. Parteeey“

P:     „Wo sind die Kronkorken. Heben Sie die auf“
N:     „?! Öh, ja klar. Sorry?“
A:     „Hui, sind die weeiiit geflogen“

P:     „Das ist eine Ordnungswidrigkeit. Strafzettel kostet 15 Euro“

N :   „Aha. Hm, das wär dann aber ein teures Bier“
A:     „Was kostet die Welt? Lalalalala!“

P:    „Ja, und jetzt bitte Ihren Ausweis“
N:    „Achso. Ich krieg jetzt echt nen Strafzettel“
A:    „Hahahahahahahaha! Mein erster Strafzettel. Wihuu“

Während der Beamte meinen Ausweis begutachtet
– Oh, Ausländer. Also kein Schwabe. –
lache ich mir herzhaft die Seele aus dem Leib.

N:    „Aber meine Herren. Ich muss ja sagen, es beruhigt mich ungemein, dass Sie nichts schlimmeres zu tun haben hier“
A:    „AHAHAHAHAHA.  HAHAHAHAHA.“
P:    „Naja, es gibt auch andere Einsätze“
N:    „Ich verstehe. Manchmal sinds auch Kaugummipapiere, statt Kronkorken“

A:    „HAHAHAHAHA. LECK. ICH KRIEG KEINE LUFT MEHR!“
P:    „Frau VogEl (ich höre genau, dass er da ein E hingesprochen hat, wo keines hingehört“), Sie bekommet dann Poschd von uns.“
N:    „Alles klar! Viel Spaß noch“
A:     „POSCHD. Er hat POSCHD gesagt. Hihihihihihi!“

Die Moral von der Geschichte:

Gut, dass ich nicht vor lachen meinen Kaugummi ausgespuckt hab. Der hätte auch noch mal nen Zwanni gekostet